Thiel Georg: Jud

Vor zwei Tagen habe ich mir mehrere Dokumentationen über den Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich angeschaut. Erschütternd, tragisch, grausig! Da passt ja nun das folgende Buch, als kleine Draufgabe, gerade noch dazu. Aber keine Angst, der Titel auf schwarzem Grund lässt Schreckliches erahnen, aber dahinter versteckt sich eine ziemlich tiefgründige, humorige Abrechnung mit dem Kleingeist, mit der Ignoranz, mit der „nur-nicht-hinschauen-Mentalität“ und mit der Zuflucht ins Opferdasein der Österreicher.

1958 erhält, der beruflich nicht gerade erfolgreiche Titus, der als Jugendlicher dem Holocaust entkommen ist und in England Zuflucht gefunden hat, endlich wieder einmal einen lukrativen Auftrag. Als Fotograf reist er nach Brüssel zur Weltausstellung um gemeinsam, mit dem exzentrischen, hoch gebildeten und reichen Journalisten Rupert, eine Reportage zu erarbeiten. Diesem scheint nichts heilig, schon gar nicht die Kirche oder sonstige Scheinmoral und so treiben die beiden provozierend und berauscht durch die Ausstellungen. Als sie  am Österreich-Pavillon ankommen,  holen Titus die Erinnerungen an eine  fast verdrängte Zeit ein und er bricht unter der Last des plötzlich aufflammenden Schmerzes und der Wut zusammen. Durch die Überzeugungskraft des geschwätzigen Ruperts und der äußerst bezaubernden Hostess Erik, besteigt Titus schließlich einen Zug nach Wien. Es ist Zeit sich der unaufgearbeiteten Vergangenheit als Opfer der Nazis zu stellen.  In einer Zeitschrift blätternd  entdeckt er dann das  Foto: Er als junger Bursche auf dem Gehweg kniend und das Wort „Jud“ an eine Hausmauer schreibend. Hinter ihm ein feister Nazi, die Hakenkreuzbinde am Arm, halb abgewandt von der Kamera und Kinder die, ob der Grausamkeit, gespannt  die Szene verfolgen. Seinen Peiniger zu finden, das gibt Titus die noch letzte ausstehende Rechtfertigung für seine Reise. Doch wer ist dieser Mensch, der ihn damals Todesangst eingejagt und ihn bis aufs Blut gedemütigt hat, heute?

Wer glaubt, dass 1958 zumindest die Anfänge einer Aufarbeitung, der Geschehnisse der Naziherrschaft, begonnen hatten, irrt. Der „Kopf-in-den–Sand-Strategie“ machte und macht Österreich, zum Teil auch heute noch, alle Ehre (da helfen meist die  feierlichen, oft heuchlerisch anmutenden Gedenkfeiern und –ansprachen auch nicht darüber hinweg).

Georg Thiel ist mit seinem, knapp 200 Seiten Werk, eine turbulente, tragikomische Vergangenheitsbewältigung gelungen. Eine Reise vor historischem und gleichzeitig sehr aktuellem Hintergrund.

Erschienen 2018 im Verlag Braumüller

 

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