Ghata Yasmine: Lange hatte ich Angst in der Nacht

Kurz vor den schrecklichen Ereignissen begriff dein Vater, dass seine Familie in Gefahr war. Er war ernst hellwach und angespannt, genau wie der alte Weise im Dorf, der schon seit Wochen Albträume hatte. Die Großmutter holte den alten Koffer, putzte und polierte ihn – und du wusstest nicht warum. Deine Kindheit Arsène endete an diesem späten Nachmittag als sie dir den alten, Koffer, der jahrelang auf dem Kasten gewartete hatte, in die Hand drückte und dir genaue Anweisungen gab..

„Geh – dreh dich nicht um – dann warte im Obstgarten bis es dunkel wird – lauf die Straße entlang……….!“

Du hast nicht begriffen, aber die Dringlichkeit der Stimme ließ dich alles so tun wie verlangt und so wurdest du zum einzigen Überlebenden Tutsi deines Dorfes.

Arsèn lebt nun schon viele Jahre bei Adoptiveltern in Frankreich, er fühlt sich wohl hat sich angepasst und eingefunden, seine Vergangenheit ist ein tief vergrabener Teil von ihm, bis er der Schriftstellerin Suzanne begegnet, die in der Klasse einen Schreibworkshop anbietet. „Bringt einen Gegenstand mit, der am besten seit mehreren Generationen im Familienbesitz ist, damit er uns einen Blick in eure Vergangenheit gewährt.“ Arsèn holt nun,  wie damals seine Großmutter , den alten Koffer vom Kasten, der während der Flucht sein einziger Zufluchtsort  und auch später ein liebevoller, schützender Begleiter war und erzählt seine Geschichte.

Aber auch Suzanne, tief berührt von Arsèns Geschichte, taucht in ihre Vergangenheit ein, in ihren Verlust, den sie als Kind erleiden musste und lässt uns Leser daran teilhaben.

Beim Lesen kam ich immer wieder in Versuchung diese beiden Schicksalsschläge miteinander zu vergleichen; sie zu bewerten. Wie kann man Leid mit anderem Leid aufwiegen? Wer hat das Recht auf mehr Mitgefühl und Mitleid? Vor Jahren las ich in einem Artikel über ein jüdisches Ehepaar, das den Holocaust überlebt hatte. In Konfliktsituationen kam es immer wieder zu Streitigkeiten, wer nun das größere Leid erdulden hat müssen und wer deshalb mehr Anrecht auf Verständnis haben dürfte. Eine für mich sehr interessante Frage.

Nun gut; ein absolut lesenswertes Stück Literatur,das ich da in meinen Händen halte und ein, in der heutigen Zeit nicht zu unterschätzender Aufruf, sich in andere Menschen einzufühlen oder sogar ein „paar Schritte in ihren Fußstapfen zu gehen“, bevor man be- bzw. verurteilt.

erschienen im Diana Verlag; 2018

 

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